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von Geshe Rabten



Am Anfang der Meditation - ganz gleich, welches Objekt Sie wählen - sind die störenden Gedanken so stark und so zahlreich, daß der Versuch
des Bewußtseins, das Objekt zu erfassen, fast einem Kampf mit ihnen gleicht.
Die störenden Konzepte erlauben immer nur ein ganz kurzes Erfassen des
Objektes. Dem Meditierenden erscheint es, als ob das Objekt, auf das er sich
konzentrieren will, ständig verschwände. In Wirklichkeit jedoch ist der Geist
nicht stark genug, das Objekt zu halten. Die Bewußtheit richtet sich zwar auf
das Objekt, verliert es aber sehr schnell wieder, wodurch das Objekt ständig zu
verschwinden scheint. Zu diesem Zeitpunkt sollte man jedoch nicht mit der
Meditation aufhören, sondern seine Bemühungen weiter fortsetzen. Man wird dann
zu einem Punkt kommen, wo man sich des Meditationsobjektes ein wenig länger
bewußt sein kann. Das Objekt scheint länger dazubleiben; in Wirklichkeit jedoch
ist die Bewußtheit etwas stärker geworden und man kann sich länger
konzentrieren. Dadurch, daß die Bewußtheit stärker wird, werden die störenden
Gedanken weniger, und es kommt ein gewisses Glück im Geist auf. Es sind zwar
immer noch störende Gedanken vorhanden und man kann sich nicht problemlos auf
das Objekt konzentrieren, aber man kann sich einige Momente länger
konzentrieren.


Die Aufmerksamkeit nicht lockern



Fährt man dann mit der Meditation fort, kommt ein Punkt, an dem die Bewußtheit längere Zeit auf das Objekt gerichtet bleiben kann. An
diesem Punkt hat man mal keine störenden Gedanken und dann wieder in
verstärktem Maße. Zuvor waren sie ständig vorhanden; nun scheinen sie einen von
Zeit zu Zeit in Ruhe zu lassen. Das ist ähnlich wie bei einem Guerilla-Krieg:
Mal scheint gar kein Krieg zu sein und plötzlich kommt er mit voller Stärke
zurück. Die Bewußtheit ist an diesem Punkt schon recht gut; sie läßt nur noch
manchmal einen solchen Einfall von störenden Gedanken zu. Da die Aufmerksamkeit
ständig achtgibt, kann man diese Gedanken gleich beim Auftreten erkennen und
zurückhalten. Die Aufmerksamkeit muß jedoch ständig wachbleiben; denn ließe man
sie etwas locker, so schwemmten die störenden Gedanken die Bewußtheit des
Objekts gleich hinweg.



Zu dieser Art und Weise, die Gedanken auszuschalten, gibt es ein Beispiel. Ob die Geschichte wirklich wahr ist, weiß ich nicht. Sie handelt
von einem sehr begabten, klugen Bogenschützen und einem sehr guten
Schwertschwinger, die eines Tages beide beschlossen, einen Wettkampf zu
veranstalten. Der Bogenschütze sollte seine Pfeile auf den Schwertschwinger
abschießen, während dieser mit seinem Schwert die Pfeile zerstören sollte.
Sollte er sie abhalten können, hätte er gewonnen; würde er getötet, hatte er
verloren. Sie trafen sich also, und der Bogenschütze schoß eine ganze Serie von
Pfeilen auf den Schwertschwinger ab, die dieser jedoch alle zerstören konnte,
bevor sie ihn trafen. Als sie so kämpften, sah der Schwertschwinger in der
Ferne ein Objekt seiner Begierde. In diesem Moment vergaß er, sein Schwert
richtig zu führen, um den Pfeil zu zerstören, und wurde tödlich getroffen.



Das entspricht der Situation, wo man in der Meditation mit den störenden Gedanken einen ähnlichen Wettkampf ausführt. Der Geist, der zu
meditieren versucht, entspräche dem Schwertschwinger. Genauso wie dieser
ständig schauen muß, ob ein Pfeil auf ihn zukommt, wacht die Aufmerksamkeit
ständig darüber, ob irgendwelche störenden Gedanken auftreten oder nicht. So
wie der Meditierende jeden störenden Gedanken gleich beseitigen muß, muß der
Schwertschwinger jeden Pfeil zerbrechen.



Im allgemeinen gibt es viele Dinge, die uns ablenken. Darunter sind die Objekte der Begierde am gefährlichsten für den Geist. Sieht
man ein Objekt der Begierde, erzeugt es ein gewisses angenehmes Gefühl im
Geist, man fühlt sich angezogen und möchte es noch näher ansehen. Wenn in der
Meditation ein Objekt der Begierde auftritt - ein störender Gedanke also - und
man diesem nachgibt und unfähig ist, ihn zu zerstören, wird damit sogleich die
Meditation zerstört. Das ist wie beim Schwertschwinger, den in der gleichen
Situation der Pfeil traf. Da die Gefahr besteht, daß ein störender Gedanke die
ganze Meditation zerstört, ist es sehr wichtig, daß die Aufmerksamkeit sehr
genau und scharf aufpaßt, was die Bewußtheit macht: Ob sie ihr Objekt richtig
erfaßt oder abgelenkt ist. Dabei ist für uns am Anfang die Methode, wonach man
die Gedanken durch Beobachten zum Verschwinden bringt, die richtige.



Die andere Methode, mit der man störende Gedanken direkt beseitigt, kann erst wirklich wirksam angewandt werden, wenn die Bewußtheit
eine entsprechende Stärke erreicht hat. Im Vergleich zu früheren Stadien sind
Ruhe und Glück im Geist auch wesentlich größer; denn die störenden Gedanken
sind um ein bestimmtes Maß reduziert worden. Im allgemeinen gilt: In dem Maß,
wie man störende Gedanken beseitigen kann, erfährt man Ruhe und Glück.


Wie die Oberfläche eines Sees



Viele Leute sprechen davon, Samatha- Meditationen zu machen. Eine ernsthafte Samatha-Meditation erfordert jedoch eine Entwicklung in den
genannten Stadien und Stufen, das heißt, man versucht, die
Konzentrationsfähigkeit auf ein Objekt immer weiter zu entwickeln. In dem Maß,
wie das gelingt, wird das Objekt der Konzentration schärfer und klarer. Auch
dann muß man die Meditation noch weiterführen. Schließlich wird ein Punkt
erreicht, wo das Objekt noch deutlicher und die Konzentrationsfähigkeit darauf
noch stärker wird. In diesem Zustand ist die Bewußtheit so stark, daß sie von
störenden Gedanken nicht mehr zerstört werden kann. Die noch auftretenden
Gedanken sind so schwach, daß sie nur noch unterschwellig im Geist erscheinen.
Der Geist ist in diesem Moment mit einem See vergleichbar, unter dessen
Oberfläche kleine Fische herumschwimmen. Sie können jedoch die Oberfläche des
Sees nicht ernstlich in Bewegung bringen. Ebenso kann in diesem Stadium die
Bewußtheit des Objektes nicht mehr durch störende Gedanken beeinträchtigt
werden; obwohl es noch störende Gedanken unter der Oberfläche gibt. Da die
Bewußtheit in diesem Stadium schon ziemlich stark ist, kann man die
Aufmerksamkeit etwas reduzieren und muß nicht mehr so scharf auf seine Gedanken
aufpassen wie am Anfang.


Aufregung und Sinken



So sind vom Anfang der Meditation bis hierher eine ganze Reihe von störenden Faktoren aufgetreten, die die Meditation erschweren und
behindern. Oft ist vom Faktor der Aufregung als eines der Haupthindernisse die
Rede. Aber nicht alle Hindernisse sind als Aufregung zu klassifizieren. So sind
Ablenkungen in Richtung Begierde als Aufregung zu bezeichnen; Ablenkungen in
Richtung auf andere Objekte, die den Geist traurig machen, werden lediglich als
eine Art Arger bezeichnet. Da sich beide Hindernisse zur Erreichung von Samatha
darstellen, gilt es, beide zu beseitigen. In diesem Stadium erfährt man ein
ziemlich großes Maß an Glück; es treten nur noch sehr wenig störende Gedanken
auf, und man hat auch nicht mehr ein so großes und regelmäßiges Bedürfnis nach
Schlaf und Nahrung wie früher. Man kann dann schon von einem ziemlich großen
Grad der Konzentration selbst leben, hat jedoch das Ziel noch nicht erreicht.
Man muß die Bewußtheit noch weiter entwikkeln und stärken. Würde man sagen,
jetzt genügt es, mehr brauche ich nicht, wurde die Bewußtheit mit der Zeit
wieder schwächer werden und die störenden Gedanken nahmen wieder überhand.



Da von den störenden Gedanken kaum noch Gefahr ausgeht, kann man ganz konzentriert auf das Objekt gerichtet bleiben, ohne daß der Geist
abgelenkt wird. Das Objekt erscheint sehr klar und deutlich und man wird auch
nicht davon abgelenkt. Nun wird man mehr Glück erfahren als je zuvor.



In diesem Zustand besteht keine große Gefahr der Aufregung mehr. Es kommt jedoch ein weiterer hinderlicher Faktor auf und das ist das
Sinken. Was ist damit gemeint? Die meisten Leute glauben, wenn sie von zwei
hinderlichen Faktoren bei der Meditation hören, daß alle Unklarheit und Trübung
in der Meditation auf dieses Sinken zurückzufuhren seien. Als Anfänger gerät
man in der Meditation öfter in einen Zustand, in dem der Geist nicht sehr stark
abgelenkt wird, das Objekt aber auch nicht klar erfaßt. Alles ist etwas trüb und
unklar, der Geist erscheint schwer und unbeweglich, und wir schlagen eine
unausweichliche Richtung auf den Schlaf ein. Wir sprechen dann gern vom Sinken;
in Wirklichkeit jedoch ist es nichts als Dunkelheit oder Trübheit des Geistes.



Sinken jedoch tritt auf, wenn man einen sehr fortgeschrittenen Zustand erreicht hat, wo der Geist sehr fest und ohne
Ablenkung auf das Objekt gerichtet bleibt: Das Objekt erscheint klar, die
störenden Gedanken treten nur noch unterschwellig auf, und man erfahrt schon
ein sehr großes Maß an Glück in der Meditation. In diesem Zustand tritt ein
Geistesfaktor auf, der langsam der Konzentration die Kraft nimmt und die
Wirksamkeit des Geistes immer schwächer macht. Dieser Faktor wird Sinken
genannt. Es ist ähnlich wie bei einem Ballon, der ein kleines Loch hat: Er geht
nicht sofort kaputt, sondern ihm geht nur langsam die Luft aus und er wird
immer kleiner.



Viele Leute denken in diesem Zustand: Jetzt habe ich Samatha wirklich erreicht, mein Geist bleibt fest auf das Objekt gerichtet, das Objekt
erscheint klar und deutlich und ich erfahre viel Glück in der Meditation.
Andere meinen, aufgrund des Glücks und der festen Bewußtheit des Geistes, eine
hohe tantrische Realisation erreicht zu haben. In Wirklichkeit jedoch haben sie
nicht nur Samatha nicht erreicht, sondern sind in einem Zustand, in dem ganz
langsam die Kraft der Konzentration von einem anderen Faktor des Geistes
gestohlen wird.



Jemand, der am Tag sehr schwer gearbeitet hat, könnte am Abend sofort einschlafen, wenn er sich auf das Bett legt. Ähnlich ist es mit
der Meditation: Nachdem man mit der Aufregung und den Ablenkungen des Geistes
fleißig gekämpft und diese in einem bestimmten Maß überwunden hat, scheint eine
gewisse Ruhe einzutreten. In diesem Zustand kann das Sinken auftreten.


Gegenmittel richtig einsetzen



Mittels der Aufmerksamkeit muß man nun wieder aufpassen, ob dieses Sinken im Geist auftritt oder nicht, und ob die Kraft des Geistes
schwächer wird oder nicht. Wird sie schwächer, ist das ein sicheres Zeichen für
Sinken und man muß die Gegenmittel anwenden. Man untersucht und analysiert das
Meditationsobjekt auf ein neues, wodurch es deutlich und klar wird und die
Kraft des Geistes wieder zurückkehrt. Wenn Sie zum Beispiel über die Natur des
Geistes meditieren und schon eine starke Konzentration auf dieses Objekt
erreicht haben, würden Sie die Natur des Geistes untersuchen. Dadurch wurde das
Objekt wieder stärker und scharfer werden, die Kraft des Geistes käme zurück
und die Gefahr des Sinkens verringerte sich wieder. Übertreibt man jedoch
dieses Untersuchen, besteht die Gefahr der Aufregung.



So muß man bei der Meditation den Geist auf einer ganz feinen Bahn führen und darauf achten, daß er nicht nach einer Seite hin
abweicht. Wenn man beim Untersuchen des Objekts feststellt, daß der Geist zur
Aufregung neigt, muß man das Untersuchen etwas lassen. Merkt man dann, daß
Sinken auftritt, muß das Untersuchen wieder verstärkt werden, Es ist ähnlich
wie eine Mutter, die ihr Kind erziehen will: Manchmal muß sie dem Kind liebe Worte
sagen und ihm. etwas Schokolade geben; wenn es etwas Böses getan hat, muß sie
ihm mit einem anderen Mittel weiterhelfen. In der gleichen Weise muß bei der
Meditation der Geist manchmal aus dem Sinken herausgeholt werden, manchmal aus
der Aufregung. So muß man daraufachten, daß er ständig auf dem richtigen Weg
weitergeht. Durch diese Mittel wird das Objekt dann noch klarer und deutlicher.
Man erfährt ein noch größeres Glück durch die Meditation, und man kann ohne
große Anstrengung mehrere Stunden auf das Objekt gerichtet bleiben.


Stufen der Konzentration



Wenn man auf diese Weise seine Aufmerksamkeit auf das Meditationsobjekt gerichtet hat, wird alle Aufmerksamkeit von den
Sinneswahrnehmungen weggezogen. Flöge ein Flugzeug über einen hinweg, man wurde
es gar nicht hören. Angenommen, hier säße jemand, der diese Kraft der
Konzentration erreicht hatte und draußen vor dem Fenster gäbe es eine
Zirkusaufführung mit viel Lärm und Musik, er konnte sich auf sein
Meditationsobjekt konzentrieren: In dem Maß, wie er seinen Geist mehr und mehr
und schließlich mit ganzer Kraft auf das Objekt richtet, wird auch der Lärm von
draußen für ihn immer weiter wegrükken. In dem Moment, wo die ganze Kraft des
Geistes auf das Objekt gerichtet ist und fest darauf verharrt, würde er den
Lärm von draußen gar nicht mehr hören.



Ein solches Maß an Konzentration bringt viele Vorteile. Der Körper kann von der Konzentration ernährt werden, außerdem ist er nicht mehr so
anfällig für Krankheiten wie im normalen Zustand.



In dieser Phase können indes wiederum viele falsche Gedanken in bezug auf das Erreichte auftreten: Manche glauben, das letztliche Ziel
erlangt oder alle Klesas vollständig beseitigt zu haben. Tatsächlich ist zwar
die Bewußtheit so stark geworden, daß störende Gedanken nicht mehr auftreten
können. Dies heißt aber nicht, daß man sie vollständig beseitigt hat; sie
können nur nicht mehr - dank der Kraft der Bewußtheit - so deutlich werden.
Auch dann muß man noch weiter meditieren.



Schließlich tritt eine bisher unbekannte Ruhe und ein bisher unbekanntes Glück im Geist auf. Wer diese Meditation mit einem materiellen
Objekt gemacht hat, hat in diesem Zustand das Gefühl, als könnte er jedes Atom
im Objekt sehen und zahlen, so klar erscheint es ihm. Auch der Körper fühlt
sich so leicht an, daß man das Gefühl hat, fliegen zu können, wenn man es
wollte.



Sie kennen sicher diese Zeichnung mit den verschiedenen Stufen bei der Entwicklung von Samatha. Entsprechend dieser Darstellung wurde
die Entwicklung von Samatha erklärt; jedoch nur die allgemeine Entwicklung des
Geistes in diesem Prozeß, nicht die speziellen Symbole der Zeichnung wie zum
Beispiel das kleine und das große Feuer. Oben auf der Zeichnung sehen Sie
einige, die in Meditation sitzen, andere, die in der Luft fliegen: Das soll das
Glück in diesem Zustand symbolisieren und die körperliche Leichtigkeit, die man
empfindet, als könne man fliegen. Wenn man wirklich Samatha entwickeln will,
sind diese Ziele auf dem beschriebenen Weg auch wirklich zu erreichen.


Nach dem Erreichen von Samatha



Hat man Samatha erreicht, besitzt der Geist eine ganz außergewöhnliche Kraft und Stärke. Diese Fähigkeit des Geistes muß man dann auf
ein sinnvolles Objekt anwenden. Manche verharren nach dem Erreichen von Samatha
durch das große Glück und das Fehlen von Gedanken einfach in diesem Zustand und
sind damit zufrieden. Das ist jedoch ein Fehler. Man erfährt zwar ein gewisses
Glück, wofür man sich sehr abgemüht hat. Man sollte aber dieses Ziel für einen
bedeutenderen Zweck verwenden; es einfach auszukosten, wäre eine Verschwendung.
Möchte man zum Beispiel als Deva (Gottheit) im Bereich der Form oder im
formlosen Bereich geboren werden, muß man mindestens Samatha erlangt haben.
Ohne eine solche Voraussetzung ist es nicht möglich, in diesen besonderen
Bereichen des Daseinskreislaufs wiedergeboren zu werden. Manche entwickeln nach
dem Erreichen von Samatha gewisse hellseherische Fähigkeiten; sie können zum
Beispiel Vergangenheit oder Zukunft erkennen sowie die Gedanken anderer lesen.
Wenn man anderen Dharma beibringen, ihnen wirksam helfen will und ihre
Gedanken, ihre Zukunft und ihre Vergangenheit kennt, so ist das ein sehr
hilfreiches Mittel.



Solche Fähigkeiten sind indes nicht das Hauptziel bei der Entwicklung von Samatha. Das wertvollste Ziel ist, diesen starken und fähigen
Geist auf ein anderes Objekt zu richten, nämlich auf Sunyata oder die Leerheit.
Beseitigt man so in weiteren Meditationen die Unwissenheit und die
Verblendungen, läßt sich eine vollständige Befreiung aus dem Daseinskreislauf
erlangen. Nach dem Erreichen von Samatha wird man also sein Objekt ändern: Man
wird den Geist nicht mehr auf die Natur des Geistes richten, sondern auf
Sunyata. Das ist das spezielle Verfahren bei den Meditationen über Mahamudra.


Wie die Meditation sein soll



Zur Art und Weise, wie man sich auf sein Meditationsobjekt konzentrieren soll, gibt es folgende Beispiele: Eine gute Meditation, in der
man sich ganz klar und fest auf sein Objekt konzentriert, ist ähnlich wie die
Sonne an einem klaren, wolkenlosen Himmel, ohne Sinken oder Aufregung. Das
heißt, ohne störende Faktoren, die hier mit Wolken verglichen werden.



Oder man sollte so meditieren wie ein großer Vogel fliegt, der lange Strecken ohne einen Flügelschlag dahinsegelt und nicht ständig mit
den Flügeln flattern muß wie ein kleiner Vogel. Das heißt, beim Eintreten von
Sinken analysiert man nur ein wenig, um sich dann wieder punktförmig aufdas
Objekt zu konzentrieren. Das wenige Analysieren entspräche dem zwei- bis
dreimaligen Flügelschlag und das daraufhin punktförmige Konzentrieren dem
Segeln ohne Flügelschlag. Diese Beispiele sollen verdeutlichen, daß man ohne
Sinken und Aufregung meditieren, immer nur ein bißchen untersuchen und sich
dann wieder auf das Objekt konzentrieren soll.



Es wird auch gesagt, daß die Meditation wie ein Meer sein soll: Kleine Wellen können ein Meer nicht aufwühlen, und ein paar störende
Gedanken können nicht die ganze Meditation stören. Das heißt, man soll
gleichförmig und unbeeinflußt meditieren, selbst wenn da und dort
unterschwellig ein paar Gedanken auftreten.



Oder wie ein kleines Kind ein Bild bestaunt, ohne Unterscheidungen und Gedanken darüber, ob es nun gut oder schlecht gemacht ist.
Ein Erwachsener schaut bei einem Bild wie es gemalt ist: Ist es gut gemalt, wie
sind die Farben verwendet worden? Wir sollten zwar am Anfang der Meditation das
Objekt genau untersuchen, doch es dann einfach anschauen, darauf gerichtet
sein. Wenn man noch weiter untersucht - so wie ein Erwachsener das Bild
betrachtet - führt das nicht zur richtigen Meditation. Man sollte das Objekt
einfach anschauen, so wie ein kleines Kind ein Gemälde bestaunt.



Es ist klar, daß wir auch bei konzentrativen Meditationen das Objekt am Anfang untersuchen müssen. Wir müssen wissen, wie das Objekt ist,
was es ist, wie wir meditieren sollen, welche Fehler auftreten können und so
weiter. Haben wir uns dann jedoch auf das Objekt konzentriert, müssen wir den
Geist darauf gerichtet lassen, ohne weiter zu untersuchen.



Noch ein Beispiel: Ein Vogel, der am Himmel fliegt, hinterläßt eine gewisse Spur: So ähnlich wie diese Spur soll man meditieren.
Sie denken vielleicht, das geht nicht! Vögel hinterlassen keine Spur am Himmel.
Eben das ist es, daß man anders als beim Gehen auf der Erde keine Spur sehen
kann. Und so he& es, man soll meditieren, als wenn Vögel durch die Luft
geflogen wären.



Wenn wir meditieren, tritt manchmal ein angenehmes Gefühl auf und oft bleibt man daran hängen, oder es entstehen Schwierigkeiten, die
dann Arger im Geist verursachen. Oder es ist ein Gefühl des Gleichmuts vorhanden,
das meist Dunkelheit hinterläßt Das Beispiel soll sagen, daß angenehme,
unangenehme oder neutrale Gefühle in uns keine Spur hinterlassen sollten, so
wie Vogel keine Spur hinterlassen. Die drei Empfindungen - angenehm, unangenehm
und neutral - werden mit drei Vögeln verglichen: So wie diese drei Vögel am
Himmel keine Spur hinterlassen, sollen die drei Empfindungen in uns keine
Anhaftung, keinen Ärger und keine Dunkelheit hinterlassen.



Oder: Die Meditation soll sein wie Baumwolle, die vom Wind weggeblasen wird. Baumwolle oder Watte ist ganz leicht und puffig.
Normalerweise ist alles mühsam, der Körper fühlt sich schwer an, der Geist ist
schwer. Das Beispiel will sagen, daß sich Körper und Geist bei der Meditation
leicht anfühlen sollen wie Watte, die vom Wind einfach getragen werden kann.


Die Erscheinungen außerhalb der Meditation



Zu besprechen bleibt noch, was dem Geist während der Meditation und zwischen den Meditationsperioden erscheint. Zum Zeitpunkt der
Meditation erscheint ihm natürlich das Objekt, auf das er sich richtet: Die
Natur des Geistes - und zwar als etwas, das frei von Materie und Form und Farbe
ist, frei von allen Hindernissen, ähnlich wie der leere Raum. Zusätzlich
erscheinen dem Geist ständig irgendwelche Objekte. Er ist wie ein Spiegel, der
ständig irgendein Objekt reflektiert, das in den Spiegel fallt. Glas zum
Beispiel ist an sich frei von Gestalt und Farbe. Wenn Sie Glas auf einen roten
Stoff legen, erscheint das Glas rot und auf einem gelben Stoff gelb; es
erscheint immer in der Farbe, die durch das Glas hindurchscheint. Ähnlich ist
der Geist an sich nicht blau, grün oder gelb, aber er nimmt den Aspekt des
Objekts an, das ihm erscheint. Bei dieser Meditation über die Natur des Geistes
entspräche das Glas dem Meditationsobjekt, also der Natur des Geistes. Genauso
wie das Glas ist auch der Geist durchsichtig und klar, das heißt, er ist frei
von Form, Farbe und Materie. Außerhalb der Meditation dagegen wird sich der
Geist auf verschiedene äußere Phänomene richten, seien es Berge, Häuser, Bäume
und so fort, wobei diese in einer ganz bestimmten Art und Weise erscheinen
werden. Sie erscheinen ihm zwar und er nimmt sie wahr; aber sie scheinen nicht
real, nicht fest und stabil, irgendwie 'unwirklich' zu sein. Der Betrachter
empfindet, daß die Dinge nicht so sind, wie sie ihm erscheinen, ohne genau
sagen zu können, wie sie nun tatsächlich sind.



Wenn man Sunyata oder die Leerheit erkannt hat, bewirkt das ebenfalls eine Veränderung der Erscheinung der äußeren Phänomene. Auch dann
empfindet man, daß sie nicht so existieren, wie sie , erscheinen. Wenn man
jedoch Sunyata erkannt hat, sind die Erscheinungen der äußeren Phänomene, die
man durch die Mahamudra-Meditation erkannt hat, etwas verschieden. Bei der
Meditation über die Natur des Geistes ist der Meditierende ganz auf den leeren
und materie-freien Aspekt des Geistes gerichtet, und zwar sehr lange, so daß
der Eindruck sehr stark ist. Wenn er sich dann von der Meditation erhebt und
andere Dinge ansieht, erscheinen sie ihm zwar, aber der Eindruck des
Leere-Aspekts ist noch vorhanden. Und dies läßt ihn dann die äu- Geren Dinge
als unwirklich empfinden. Das ist, als ob Sie lange in die Sonne schauen und
dann in einen dunklen Raum gehen. Dieser längere Eindruck verursacht, daß Sie
überall im Raum die Sonne sehen, wo Sie auch hinsehen. Und wenn man bei dieser
Samatha-Meditation den Geist vollständig und ohne Ablenkung lange Zeit auf das
Objekt - die Natur des Geistes - richtet, verursacht das eine viel stärkere
Nachwirkung, die einen alle äußeren Dinge als irreal empfinden läßt.



Fragt man nach dem Nutzen und Zweck einer solchen eigenartigen Erscheinung, so hat dies einen sehr großen Nutzen und einen ganz
besonderen Zweck. Denn führt man nach dem Entwickeln von Samatha die Mahamudra-
Meditationen durch, so ist die Art und Weise, wie der Geist das
Meditationsobjekt erfährt, ähnlich wie beim Entwickeln von Samatha. Die
Vorgänge sind zwar nicht genau gleich, aber sie sind ähnlich. Die Erscheinung
der äußeren Phänomene nach dem Entwickeln von Samatha gleicht wiederum der
Erscheinung, die auftritt, wenn man über Mahamudra meditiert.



Mündliche Übersetzung aus dem Tibetischen von Gelong Jampa Lungtok



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