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Wei Wu Wei (irischer Mystiker und Philosoph 1895 - 1986)

Unbestimmtheit

Die Kausalität beunruhigt mich.

Auch dich?

Was soll das heißen ?

Nâgârjuna* und seine Freunde waren darüber auch beunruhigt, lange Zeit vor der Geburt von Werner Heisenberg, und sie hatten nicht die Quantentheorie von Max Planck, die ihnen einen Hinweis hätte geben können.

Aber der Buddhismus mißt der Kausalität große Bedeutung bei.

Das stimmt, doch der Buddha selbst mißbilligte das Aufstellen physikalischer und metaphysischer Theorien, und die großen Meister des Ch'an wollten überhaupt nichts davon wissen.

Soviel ich weiß, wird das neue Gesetz der Unbestimmtheitsrelation*, das an die Stelle des Kausalitätsgesetzes getreten ist, für den Bereich des Mikrokosmos generell akzeptiert. Muß dieses Gesetz nicht auch für den Makrokosmos gelten ?

Ich kann nicht einsehen, wie und warum das nicht so sein sollte. Größe ist eine sehr relative Sache.

Damit geht ein wesentliches und wichtiges Element der buddhistischen Lehre über Bord?

Ich weiß nur, daß es, soweit das Höchste Fahrzeug betroffen ist, keine wesentlichen Elemente der Lehre gibt und alles begriffliche Denken dort schon vor tausend Jahren über Bord ging.

Du nimmst es locker.

An Bord oder über Bord - welchen Unterschied macht es, ob die Erscheinungswelt (der Vorgang der Manifestation) durch ein Gesetz erklärt wird, das auf dem Begriff der Kausalität basiert, oder durch ein anderes, das auf dem Begriff der statistischen Wahrscheinlichkeit beruht?

Ursache-und-Wirkung scheinen unmittelbar auf der Hand zu liegen. Jeder kann sie in ihrem Wirken beobachten, und sie sind jahrhundertelang als offensichtlich akzeptiert worden.

Unbestimmtheit oder statistische Wahrscheinlichkeit ist auch einleuchtend, wenn man sich erst einmal an diese Vorstellung gewöhnt hat. Vielleicht steht sie mit metaphysischem Denken eher in Einklang als eine unerbittliche Kausalität, die Nâgârjuna und Chandrakirti* schlimme Kopfschmerzen bereitete, als sie herausfanden, daß dieses Gesetz einer strengen Untersuchung nicht standhielt.


Dann akzeptierst du also Unbestimmtheit?


Für wen in aller Welt hältst du mich eigentlich, daß ich es wagen könnte, die von gelehrten Physikern aufgestellten Gesetze zu akzeptieren oder abzulehnen?

Dennoch, diese Umwälzung hätte weitreichende Folgen, die, metaphysisch, sogar verheerend wären!

Wie könnte es von Wichtigkeit sein, welche Gesetze erfunden werden, um den Mechanismus der Manifestation zu erklären? Alle derartigen Gesetze sind gedankliche Konstrukte, jedes davon erfüllt genau denselben Zweck, und für jedes gilt gleichermaßen, daß es außerhalb der Erscheinungswelt weder existiert noch nicht existiert.

Dann kommt es also wirklich nicht darauf an?


Keine Form von Objektivierung hat irgendeine Spur von Eigennatur. Ob jemand am anderen Ende des Mikroskops Wellen oder Partikel, Zyklone oder Rühreier sieht - all dies sind Objekte. Was immer er zu sehen meint, ist letztlich das, was schaut; denn was könnte es sonst sein? Mir scheint, die Wissenschaft ist auf ihre eigene Weise zu diesem Schluß gelangt, denn inzwischen wissen sie, daß der Betrachter ein Faktor in jedem beliebigen ihrer Experimente ist.

Zweifellos, letzten Endes ist das so. Trotzdem ist es für den praktischen Aspekt der Metaphysik von Bedeutung, den Mechanismus der Manifestation zu begreifen.


Nun gut, also: Erforsche das Auftreten der Unbestimmtheit und warte ab, ob du nicht zu dem Schluß kommst, daß sie sehr wohl mit metaphysischem Denken übereinstimmt.

Welchen Aspekt dieses Denkens hast du da vor Augen ?


Einer sollte im Moment genügen, denn das Thema ist weit! Wenn es in der Kausalität schon keinen Platz für den (freien) Willen gibt, dann in der Unbestimmtheit natürlich erst recht nicht! Das wird dich recht weit fuhren - vielleicht weiter, als du in diesem Moment vermutest.

Selbst wenn dieses eine Beispiel ausreicht, bitte ich dich um weitere Erklärungen, um es zu stützen.

Jeder beliebige Faktor ist genug. Denn alle sind voneinander abhängig. Jedoch scheinen Ursache-und-Wirkung, auf Geschehnisse bezogen - da es keine davon betroffene Entität gibt -, dadurch eines wesentlichen Elements beraubt zu werden. Und die zahlenmäßige, wenn auch nicht qualifizierte Mehrheit der Buddhisten ist der Versuchung erlegen, ihre eingebildeten »Selbste« der Kausalität zu unterwerfen und so die Lehre ihres Meisters ad absurdum zu führen. Unbestimmtheit schließt dagegen jeden derartigen Kompromiß aus.


Da sich die Existenz einer Entität schwerlich der statistischen Wahrscheinlichkeit unterwerfen läßt!


Richtig: Sie zieht denjenigen, die versucht sind, an solchen Vorstellungen festzuhalten, den Boden unter den Füßen weg. Wenn Wille (der ebenfalls eine Entität voraussetzt) und Kausalität (die ohne Entität schlecht aussieht) beseitigt sind, gibt es wohl keine ernsthaften Schwierigkeiten, dein Denken an diese neue Vorstellung anzupassen. In der Tat gehe ich davon aus, daß du entdecken wirst, daß sie besser paßt, als es die Kausalität je tat.

Aber all die Lehren, die auf der Kausalität aufbauen ? Zum Beispiel karma und Wiedergeburt?

Nur Dogmen basieren auf Kausalität, und Dogmen sind von den Meistern des Höchsten Fahrzeugs verworfen worden, bevor die Wissenschaft je von Kausalität sprach. Sie sind ebenfalls seit tausend Jahren über Bord: unnötig, sie jetzt wieder herauszufischen!

Du bist unnachgiebig und kompromisslos!

Frage dich, ob Bodhidharma, Hui-neng oder Shen-hui kompromißbereit und nachgiebig gewesen wären oder es jemals waren. Verhältst du dich vielleicht nicht so, als würdest du immer noch von einem eingebildeten phänomenalen Zentrum aus schauen? Nichts, was wahr ist, kann von da aus gesehen werden! Als ich , denke daran, als ich bist du noumenal!

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