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"Kürzlich habe ich einen Artikel über Ken Wilber gelesen. Der Verfasser, John Heron, schreibt sehr kritisch, aber vor allem fiel mir auf, wie unendlich komplex Wilbers Integrale Psychologie ist, und sein Welt- und Menschenbild scheint immer noch komplexer zu werden. Aber zumindest ist es verständlich und nachvollziehbar. Man kann es mit dem verstand erfassen, wenn man sich reinkniet, allerdings sieht man dann auch Widersprüche.
Es ist genau das Gegenteil , was wir hier tun heute Nachmittag. Nicht-Dualität ist unglaublich einfach, aber der Verstand kann sich keinen Reim drauf machen. Da kann er studieren, so viel er will, er begreift einfach nicht. Natürlich können wir Überlegungen anstellen und uns Vorstellungen machen und ein paar verständliche Begriffe zurechtlegen, aber der verstand wird dem, was Nicht-Dualität ist, nicht einmal nahekommen.
Der Verstand kann die Zusammensetzung einer Orange untersuchen und erfassen, aber davon weiss niemand, wie sie schmeckt. Und wenn wir eine Orange probieren, wissen wir ohne zweifel,wie sie schmeckt, und unsere Kenntnis ihrer Zusammensetzung trägt dazu überhaupt nichts bei. Im gleichen Sinne können wir eine sehr gutes Verständnis der Nicht-Dualität haben, wissen aber dadurch aber noch längst nicht, wie Freiheit schmeckt.
In der Transzendentalen Meditation kann man einen Kurs mit demTitel „Die Wissenschaft der schöpferischen Intelligenz“ buchen. Der ist ebenfalls sehr komplex, wenn auch nicht im gleichen Maße wie Ken Wilbers Psychophilosophie. Maharishi hat sich diesen Kurs ausgedacht, nachdem er zu dem Schluss gelangt war, dass Äußerungen über Gott im Westen nicht gut ankommen und man mit Naturwissenschaft und Quantenphysik als Themen besser beraten ist.
Mir kam nach Jahrzehnte der Suche der Verdacht, dass das Geheimnis, wennn es eins gab, sehr einfach sein müsse. Mein Gefühl sagte mir, dass es da ein Geheimnis gab, etwas über das Leben oder die Wirklichkeit oder das Sein überhaupt, das ich nicht verstand- aber nicht einmal dessen war ich mir sicher. Ich warf mich ganz auf das Projekt, dieses Geheimnis zu lüften, ohne mir sicher zu sein, ob es überhaupt eins gab, aber mit dem Gefühl, dass es sehr einfach sein müsse, falls es existierte. Schon bevor ich auf die Nicht-Dualität stieß, wandte ich mich von all den komplexen Storys wie dem tibetischen Buddhismus mit seinen vielen Welten und Daseinsebenen ab.
Wenn Freiheit gesehen wird, ist sie sehr, sehr simpel, aber natürlich auch erstaunlich. Und sie ist dann so klar und selbstverständlich, dass man nicht einmal wüsste, was man zu ihrer Erklärung sagen kann. In diesem Sekundenbruchteil klärt sich, weshalb alles, was der verstand je unternommen hat – alle Storys, von denen er sich fesseln ließ, alle Techniken, die er praktiziert hat, all die endlos wiederholten Mantrarezitationen – unmöglich irgendwohin führen konnten. Das ist die Offenbarung: Nichts hätte jemals irgendwen irgendwohin führen können, weil niemand da ist. Es ist niemand da, das ist und war schon immer das Geheimnis. Letztlich ist da nur Leere. Aber auch das ist erst die halbe Geschichte, wir kommen darauf später zurück.
Tony Parsons' erstes Buch trug den Titel The open secret. Das Geheimnis ist nämlich nicht unter einem Stein versteckt. Es bestand nie eine Notwendigkeit, danach zu suchen, und es bestand nie eine Chance, dass eine Person es finden könnte. Ich kann es leider nur so tautologisch sagen: Wenn es offensichtlich geworden ist, ist es offensichtlich. Selbst wenn ich sagte, das es direkt vor unserer Nase ist, würde es noch zu viel Distanz implizieren. Ersten ist es kein „es“, zweitens gibt es kein „uns“ und drittens keine Nase. „Es ist direkt vor unserer Nase“ ist eine dualistische Aussage, die ja bedeutet, dass „es“ irgendwo da draußen ist und “ich“ mit meiner Nase hier bin und etwas tun kann, um „es“ und „mich“ „ihm“ anzunähern.
Darum geht es bei den spirituellen Pfaden – näher heranzukommen. Und das hatte ich in der Story der Zeit jedenfalls getan, dreißig Jahre lang. Ich bemühte mich sehr ernsthaft und manchmal, wie es schien, mit Erfolg, näher heranzukommen. Manchmal war mir, als könnte ich es schon fast schmecken oder gar sehen, aber es blieb doch verborgen.
Wenn das Offensichtliche gesehen wird und das offene Geheimnis kein offenes Geheimnis mehr ist, fällt alles weg. Ich habe es nicht vor der Nase, weil es kein „ich“ oder „es“ gibt und folglich auch nicht die Möglichkeit der Annäherung durch Religion oder den Weg der Selbsterforschung oder Ausschaltung des Denkens oder Jetzt-Hier-Sein. Nichts davon hat irgendeine Bedeutung, weil der Gedanke, ich könnte dem Geheimnis näher kommen, von Anfang an ein Fehlschluss ist. Aber der sitzt so tief, dass der verstand ihn einfach nicht durchschauen kann, wie sehr er sich auch abmühen mag. Es muss diesem Trugschluss unterliegen. Und eben weil der Verstand unentwegt davon plappert, dass es ziele zu erreichen gilt und er mich schon noch hinbringen wird, kann das offensichtliche nicht gesehen werden. Er sagt: „Ich weiß den Weg. Meditiere. Mach Selbsterforschung. Küss die Füße des Guru. Ach ja, und heb seine Zehennägel als Reliquien auf. Jedenfalls wartet auf dich noch besseres als Das hier, und dahin führt ein Weg, und den zeige ich dir.“ Das ist ja eigentlich der Antrieb für dieses ganze Lebensdrama, die Vorstellung, dass es etwas Besseres als Das hier gibt. Irgendwo, da sind wir ganz sicher, muss das Gras grüner sein als hier, und so sagen wir uns: „Das hier ist es jedenfalls nicht. Es muss irgendwo etwas besseres geben, wo ich mich ganz und im Einklang und in Frieden fühlen kann.“
Der Verstand nimmt uns also auf eine Reise mit. Auch hier in diesem Raum zu sitzen ist für manchen vielleicht eine spirituelle oder philosophische Reise. Und viele andere machen eine Shoppingreise, die Glücksspielreise oder die Reise in den Suff. In gewissem Sinne ist das alles das Gleiche.
Vielleicht findet ihr es geschmacklos, wenn ich zwischen „Ich fühl mich beim meditieren besser“ und „Ich fühle mich besser, wenn ich ordentlich getankt habe“ keinen wesentlichen Unterschied sehe, wenn ich sage, dass dreißig Jahre der Meditation, dreißig Jahre Alkoholismus, dreißig Jahre im Wettbüro und dreißig Jahre Kirche im Grunde das Gleiche sind. Der Verstand entrüstet sich und sagt: „So ein Unsinn. Dreißig Jahre beim Pferderennen sind absolut vergeudete zeit, aber dreißig Jahre Meditation sind eine sehr wertvolle Sache.“ Und natürlich werdet ihr andere finden, die genau das Gegenteil sagen. Auf der Rennbahn begegnet ihr bestimmt jemand, der sagen wird: „Dreißig Jahre Meditation sind absolut verschwendete zeit, aber dreißig jahre beim Pferderennen zocken, Mann, das ist einfach das Höchste.“
Wirklich, der Vergleich ist überhaupt nicht albern, und all diese Storys sind tatsächlich gleichwertig. In der Story, im Leben der Person, haben sie verschiedene Auswirkungen, daß bestreite ich nicht. Wenn man sich besser fühlen möchte, kann ich Alkoholismus wirklich nicht empfehlen, sondern rate zur Meditation. Aber von diesen Auswirkungen abgesehen, wenn wir die Bedeutung all dieser Storys betrachten – nämlich dass es etwas besseres als Das hier gibt und ein gangbarer Weg dahin führt -, sind sie gleichwertig. Wenn wir eine Karte für Hamlet kaufen, steht uns ein anderer Abend bevor als in der Oper oder im Fußballstadion. Aber wenn es darum geht, etwas Sinnvolles zu tun oder etwas wertvolles zu erreichen, ist es wirklich egal, ob wir meditieren oder im Kaufhaus auf der Rolltreppe stehen.
Der Verstand findet das höchst ungerecht, und man kann es verstehen. Er sagt: „Wie unfair! Ich habe Tausende in Meditationskurse gesteckt, ich habe monatelang in diesem indischen Ashram herum gesessen, wo es nur Reis gab und ich von einer grausigen Krankheit in die nächste fiel, und irgend so ein hergelaufener Typ hat nichts als Shopping im Kopf, und plötzlich ist er weg, und es ist nur noch Shopping da, keiner mehr, der es macht.“
Aber genauso läuft es. Wenn das, wovon wir hier reden, gesehen wird, ist es offensichtlich; wenn nicht, hat der verstand nicht die geringste Chance, es zu verstehen. Das ist eigentlich alles. Jemand kauft ein, dann plötzlich niemand mehr,der einkauft, aber Einkaufen geht weiter, nur wird eben gesehen, dass niemand da ist. Dieses Erwachen dauert vielleicht eine halbe Sekunde, aber es ist eine Offenbarung, wenn du siehst, dass das Einkaufen sehr gut ohne eine Person weitergehen kann.
Das ist das Nichts, von dem wir hier sprechen. Vielfach wird das mit der Philosophie des Advaita in Zusammenhang gebracht. Für philosophische Gemüter wird Das hier im Advaita besonders differenziert und elegant formuliert. Nicht-Dualität oder noch wörtlicher Nicht-Zweiheit ist ja auch die Übersetzung des Begriffs „Advaita“. Aber eigentlich hat Das, wovon wir hier sprechen, mit Advaita nichts zu tun als mit irgendetwas anderem. Dieses Sehen, dass nichts und niemand da ist, kann spontan auftreten und tut das auch in allen Kulturen, Zeiten und Traditionen.
Diese Denken konnte sich im Advaita deshalb zu solcher Höhe entwickeln, weil man in Indien von diesen Dingen reden konnte, ohne die Inquisition und den Scheiterhaufen fürchten zu müssen. Leute, die sich im christlichen Abendland in diesem Sinne äußerten, hatten eine deutlich kürzere Lebenserwartung. Sehr schnell sah man sich der Ketzerei bezichtigt, und dann war der Scheiterhaufen nicht mehr weit. Deshalb ist die Sicht der Nicht-Zweiheit im indischen Denken besser ausgestaltet. Aber wenn wir manche christlichen Mystiker oder auch Vertreter des Buddhismus und Sufismus dagegen halten, kann kein Zweifel dran bestehen, dass es dieses Sehen in allen Kulturen gibt – und dass es nach wie vor missverstanden wird.
Dieses Sehen bleibt im Gespräch, weil es in der Story der Menschheitsgeschichte – wir tun für den Augenblick so, als gäbe es das – immer wieder vorkommt: Erst ist jemand da, und plötzlich niemand. Danach kann es zu Versuchen kommen, etwas darüber zu sagen. Manche dieser Ansätze sind einigermaßen klar, andere nicht.
Das Sehen, dass niemand da ist, ereignet sich spontan, es hat keine Ursache, es steht mit nichts anderem in Zusammenhang, auch nicht mit dreißig Jahren Meditation. Die Person verschwindet, aber in vielen Fällen kommt sie wieder und erzählt irreführende Geschichten von Bemühungen, mit denen sie dieses Ereignis herbeigeführt hat. Zwangsläufig hat die Story viel mit dem zu tun, was der Betreffende vor seinem Verschwinden getan hat. War es beispielsweise Meditation, dann wird diese Person vermutlich eine Schule der Erleuchtung durch Meditation gründen und eine irreführende Lehre verbreiten.
Und selbst, wo sehr klar über Befreiung gesprochen wird, macht sich oft der Verstand der Zuhörer darüber her, sodass es falsch aufgefasst und ausgelegt wird. Der verstand besteht einfach auf seiner Einbildung, dass er Dies in irgendeine erfassbare Form übersetzen kann. Und am Ende wartet er dann mit irgendeiner Spielart des immer gleichen Gedankens auf: dass die Person durch irgendein Tun, nämlich indem sie etwas praktiziert oder einem Weg folgt, Befreiung finden kann."

Richard Sylvester (aus "Das Buch Niemand")

Auszüge eines Interviews mit Conscious TV sind auf meiner Yogapadseite verlinkt.

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Anand Giri

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